In diesem Artikel geht es um den Tagesablauf von Hochleistungssportlern. Doch für mich ist jeder ein Alltagsheld ein Athlet, der täglich in Job und Familie sein Bestes gibt. Deshalb ist die Herangehensweise des Neuro-Athletiktrainings auch für Sie relevant: Egal ob Manager, Hobbysportler, Familienvater, Dreifachmutter, Großmutter und Großvater. Ihr Tagesablauf kann auch durch einfache Tricks deutlich effektiver und besser werden.

 

Gold und 2x Bronze im Gepäck: Team AUT in Vancouver 2010

Gold und 2x Bronze im Gepäck: Team AUT in Vancouver 2010

Ich habe drei Mal an den Olympischen Spielen teilgenommen. Als Athlet 1992 in Albertville (Sturz/Milzriss) als Trainer 2010 in Vancouver (1 x Gold und 2 x Bronze) und 2014 in Sochi (möchte ich nicht drüber reden…). Ich habe als Athlet viele Fehler gemacht, ich habe als Trainer viel richtig, aber auch viele Fehler gemacht. Ich durfte auch verschiedene gute Sachen und Fehler anderer Teams und Athleten beobachten. Und weil ich es sehr vermessen fände, eine Anleitung zu schreiben, wie man bei den nächsten Olympischen Spielen Gold  gewinnt, hier zunächst meine 15 Punkte, die Deine Gold-Ambitionen am Tag X in weite Ferne rücken lassen. Halt Dich dran und es wird sicher in die Hose gehen:

  1.  Denke daran, dass sich Deine Sportler zuerst qualifizieren müssen. Mache deshalb Deine Athleten gezielt fit für die Qualifikation!
  2. Trainiere im letzten Jahr vor dem Wettkampf mehr UND härter als je zuvor.
  3. Kürze den Urlaub nach der Vorsaison, damit die Konkurrenten  keinen Trainingsvorsprung haben können!
  4. Ignoriere neue Trainingsmethoden und Entwicklungen! Das meiste passt eh nicht in Deine Sportart und ist kompliziert zu integrieren. Außerdem: Never change a winning system!
  5. Verzichte auf eine detaillierte Besichtigung und Analyse der Wettkampfstätten im Vorjahr!
  6. Denke nicht einmal daran, zwei oder drei Tage vor dem Wettkampf möglicherweise in ein optimaleres Quartier zu ziehen!
  7. Plane genug Zeit für die Akklimatisierung vor Ort ein!
  8. Beobachte Deine Gegner vor Ort genau und finde heraus, was Sie so gut macht.
  9. Sauge die Atmosphäre im Olympischen Dorf voll auf! Vor allem, wenn es Deine ersten Spiele sind. Dabei sein ist schließlich alles!
  10. Lass alles auf Dich zukommen und bereite Dich nicht auf Details vor. Es kommt ja sowieso anders, als man denkt!
  11. Lies Zeitung und alle heimischen Internetseiten. Und natürlich die Tweeds Deiner Konkurrenten!
  12. Probiere beim Essen in der Mensa ruhig mal was Neues aus, zum Beispiel die lustigen, kleinen, getrockneten Fischchen (oder was ist das, was die Chinesen immer essen, vielleicht auch Insekten?)!
  13. Verlass Dich drauf, dass die Betten im Olympischen Dorf super sind und Du gut und ruhigschlafen kannst!
  14. Mach Deinen Athleten kurz vor den Spielen unbewusst klar, dass sie noch nicht gut genug sind, indem Du Sie mehr oder etwas Neues trainieren lässt.
  15. LAST BUT NOT LEAST: Predige Deinen Athleten: „Geh es einfach an, wie einen normalen Wettkampf.“

Zum letzten Punkt eine kurze Ausführung, weil ich diesen Satz schon so oft gehört habe, er aber meist – meiner Meinung nach – falsch verstanden wird. Gut vorbereitet und umgesetzt wird Punkt 15 nämlich zu einem extrem hilfreichen Tool.Detailplanung am Showtime-DayGerade bei den Olympischen Spielen kommen geballt Dinge auf den Athleten zu, die es zu bewältigen gilt. Angefangen bei einem ungewohnt hohem Medieninteresse (Athleten aus sog. Randsportarten sind das nicht gewohnt) bis hin zu oft umständlichen organisatorischen Details (lange Wege, unsichere Transferverbindungen, klimatische Besonderheiten, mehr Zuschauer, Medaillenfeiern oder auch Misserfolgsdramen anderer Athleten etc.). Der Umgang mit diesen Nebengeräuschen  sollte natürlich durchdacht und dann inhaltlich und organisatorisch vorbereitet und oft auch trainiert werden.

Ruhe im eigenen kleinen ‘Team-Chalet’ und Pressearbeit direkt an der Schanze

Ruhe im eigenen kleinen ‘Team-Chalet’ und Pressearbeit direkt an der Schanze

Medienarbeit an der Schanze

Gute Sportpsychologische Vorbereitung  – verfeinert durch Neuro Athletic Training

Je näher der Wettkampftag dann kommt, desto mehr hilft ein detaillierter und vorab erprobter, optimierter Tagesablaufplan. Die Tage vor dem Wettkampftag bis zum Start sollten von Trainer und Athlet gemeinsam minutiös durchgeplant und vorher mehrfach – erfolgreich – in vorherigen Wettkämpfen (im Training natürlich auch!) erprobt sein. Gerechnet wird vom Startzeitpunkt rückwärts. Das verschafft am Wettkampftag Handlungssicherheit, Klarheit und beruhigt. Natürlich muss der Ablauf an die Gegebenheiten vor Ort angepasst werden. Der individuelle Ablauf eines Skispringers sähe in etwas so aus (ich habe den Plan mit neuroathletischen Elementen an meinen heutigen Stand angepasst):

Schanze Whistler

Tag X – auch der Trainer war etwas angespannt 😉

Der TAG X

  • Spät ins Bett, ca 24:00 Uhr
  • 09:00Uhr: Aufstehen, Wasser trinken, 10min sensorische Aktivierung.
  • 09:30Uhr: Frühstück
  • 11:00Uhr: Infomeeting, Get together (sozialer Kontakt, gemeinsames kleines Team-Spiel, mit Humor und Lachen, gibt Sicherheit)
  • 12:30Uhr: Lunch (leicht verdauliche Kost)
  • 13:30Uhr: Power Nap
  • 14:30Uhr: Wettkampftaschen-Checkliste
  • 14:40Uhr: Aktivierung mit Coach und Physio
  • 15:30Uhr: Einpacken Bus.
  • 16:00Uhr: Abfahrt Bus – Schanze
  • 17:00Uhr: Material Check mit Servicetechniker
  • 17:30Uhr: Sensory Warm-Up und aktuelle Neuro-Drills (z.B. 1x slow, 1x fast, 3 x superfast. 3 Sprünge, 3 Imitationen)
  • 18:00Uhr: Beginn Probedurchgang:
    • Umziehen bei Nummer 15 – Anzug 2
    • Zum Lift gehen bei Nummer 30-32 (mit Sicherheitspuffer, falls nicht alle Wettkämpfer beim Probedurchgang starten)
    • Startklar 5min vorher
    • Zum Start
    • Neuro-Drills 1min
    • Bindung an. Neuro Drills stack/schnell
    • Visualisieren – Atmung
    • Balken – grün – Fahne – Focus
    • SPRUNG
    • Kurzfeedback-Information Funk
    • Interview-TV Host/National
    • Service-Feedback / Materialabsprache
    • Kleiner Snack
    • Kabine: Relaxprogramm (Vagusstimulation 15min)
    • Coaching mit Video (immer)
    • Bei Verögerungen: kleines Spiel
    • Warm Up: spezifisch, sensory, motor, 5min, Drills nach Zustand, 3 Imitationen
    • Anzugwechsel: Modell ‘Nightflight-anthrazit’
    • Umziehen bei Nummer 15
    • Repeat
    • SHOWTIME

Jedes Element im Tagesablauf hat eine wichtige Funktion auf dem Weg zur optimalen Leistung und ist durchgeplant und strukturiert. Jeder einzelne soziale Kontakt im Tagesablauf hat einen Impact. Das Ziel ist, zum Moment der Leistungserbringung einen dafür idealen Zustand zu erreichen und zwischendurch möglichst wenig Energie zu verbrauchen (State Management). Natürlich ist jeder Sport und jeder Athlet anders, deshalb müssen die Elemente inhaltlich getestet und entwickelt werden. Des Weiteren dürfen die individuellen Abläufe nicht mit den Team-Abläufen kollidieren.

Grundsätzliche Fragen sind also: Welche Systeme müssen für meinen Sport generell optimal funktionieren? Und welche Systeme sollte mein Athlet besonders stimulieren oder auch hemmen, um erfolgreich zu sein?

Dabei ist es nicht zielführend, standardisierte sportpsychologische Verfahren flächendeckend zu üben und einzusetzen. Eine Visualisierungstechnik KANN hilfreich sein, muss sie aber nicht. Eine Atemtechnik zur Regulation der Herzfrequenz zur Bekämpfung von Nervosität kann hilfreich sein – muss sie aber nicht. Möglicherweise reagiert das Nervensystem unseres Athleten sehr viel besser auf  bestimmte Vision Drills oder die Aktivierungen von anderen Kranialnerven. Also: Assessing, not guessing! Nur testen hilft und bringt Gewissheit. Und das Wichtigste: In all der Routine muss Flexibilität möglich sein. Was im Januar hilfreich war, kann im August, in fortgeschrittenem Trainingszustand, in anderem Klima, etc. unter Umständen leistungshemmend sein. Also auch hier wieder: testen! So kann Neuroathletiktraining die sportpsychologischen Routinen deutlich individualisieren und so effektivieren – ein schöner Arbeitsbereich für eine enge Zusammenarbeit mit dem Sportpsychologen!

Je öfter ein solcher Tagesablauf mit einer optimalen Leistung gekrönt wird – ob real oder mental – desto besser!  Dann können auch Olympische Wettkämpfe tatsächlich wie ein normaler Wettkampferfolgreich angegangen werden.

Und wenn Sie – als (noch 🙂 nicht Olympiasieger Ihre Performance verbessern möchten – egal ob im Sport, im Alltag, vor einem wichtigen Termin – vereinbaren Sie einfach ein kostenloses Beratungsgespräch!

Marc Nölke, im August 2016