Neuroathletik-Training: Mit Karacho gegen Rückenschmerzen


Neuroathletik-Training: Mit Karacho gegen Rückenschmerzen

 

Eine Geschichte in der Bild Zeitung: Wenn die sympathische Oma Ursel Rückenprobleme hat, dann fährt sie Achterbahn. Danach sind die Schmerzen weg. Wie kann das sein? Funktioniert das auch bei mir?

Im Artikel zu Wort kommt Professor Dr. Ulrich Liener, Ärztlicher Direktor der Unfallchirurgie und Orthopädie am Stuttgarter Marienhospital: „Also, die Achterbahn ist keine anerkannte Therapie, die ich jedem empfehlen kann. Aber es kann sein, dass durch die Überschläge wie auf dem Schlingentisch der Rücken gedehnt wird und durch die Beschleunigung und Kurven Muskeln aufgebaut werden und die Koordination verbessert wird.“

Mit dieser Annahme (Dehnung des Rückens, Muskelaufbau) liegt der Orthopäde ziemlich daneben. Sicherlich passt sich die Muskulatur einer 76 jährige nach etlichen Fahrten ein wenig an. Möglicherweise verbessern sich auch ein paar koordinative Fähigkeiten. Ich kenne die wilde Dame zwar leider auch nicht persönlich, aber der Grund, warum Achterbahnfahren gegen Ihre Schmerzen hilft, ist ein Anderer.

Frau Ursula Dees ist ein fantastisches Beispiel für die heilende Wirkung von vestibulärer Aktivierung bei bestimmten Rückenschmerzen.

„Von 0 auf schmerzfrei in wenigen Sekunden.“

Dazu eine vereinfachte Prise Neuroanatomie. Oma Ursel sagt: „Mein Physiotherapeut erkennt sofort an meinem Rücken, wenn ich Achterbahn gefahren bin.“

Der Beweis! Es ändert sich etwas in der Haltung oder der Muskulatur, das spürt der Physio! Kein Wunder, denn es gibt ein paar sensorische Organe und Bereiche im Gehirn, die durch Achterbahn fahren extrem stimuliert werden. Und ebendiese Bereiche haben einen direkten Einfluss auf die Kontrolle und Funktion der Rückenmuskulatur – also auch auf Muskelspannung und Haltung!

Speziell der mittlere Teil von Ursels Kleinhirn, die sogenannte Vermis mit Kleinhirn-Mitbewohner Flocke-Knötchen-Lappen (lat. Lobus flocculonodularis) kümmern sich um das Feintuning von Ursels Gleichgewicht. Sie kontrollieren Augenbewegungen und koordinieren die Informationen aus dem visuellen System und dem Gleichgewichtssystem mit den Informationen vieler anderer Körpersensoren (Rezeptoren).

Aus: Trepl, Martin. Neuroanatomie. Elsevier (2008). S.137

Bild 2. Aus: Trepl, Martin. Neuroanatomie. Elsevier (2008). S.137

 

Oma Ursels Vermis und Ihre „Flocke“ regulieren den für ihre Haltung und Wirbelsäulenaufrichtung mitbestimmenden vesitibulospinalen Pfad, sie aktivieren ihre Streckermuskeln (vom Bein bis zum Nacken) und hemmen gleichzeitig die Beugemuskulatur. Sie stimmen die Wirbelsäulenbewegungen mit den Informationen aus den Gleichgewichtorganen und dem visuellen System ab (Bild 2).

Das ist wichtig in diesem Zusammenhang: Streckmuskulatur wird aktiviert. Beugermuskulatur wird gehemmt. Werfen Sie nun bitte einen genauen Blick auf die Körperhaltung von Oma Ursel auf dem Bild unten. Sie ist gerade auf dem Weg zur Achterbahn.

Bild 3: Oma Ursel auf dem Weg zur Achterbahn. Aus https://www.youtube.com/watch?v=AU3oXXkm-hk, 16.10.2016, 21:30.

Bild 3: Oma Ursel auf dem Weg zur Achterbahn. Aus https://www.youtube.com/watch?v=AU3oXXkm-hk, 16.10.2016, 21:30.

 

Können Sie sich nach dem betrachten von Oma Ursels Haltung vorstellen, warum es für ihre Körperhaltung sehr hilfreich ist, das Gleichgewichtssystem zu aktivieren?

Stichwort: Streckermuskulatur aktivieren – Beugermuskulatur hemmen.

Noch ein wichtiger Punkt: Die beiden Kranialnerven von Oma Ursels Gleichgewichtsorgans aktivieren zudem das PMRF ihres Stammhirns (ponto medullary reticular formation): Dieses PMRF ist sehr aktiv – wenn es richtig aktiviert ist (zum Beispiel in der Achterbahn): Unter anderem setzt es situationsangepasst Spannung und Reflexstabilität der Rückenmuskulatur und reguliert Schmerzen. (1.)

Wenn Oma Ursel nun in der Achterbahn sitzt, bekommt sie einen starker Stimulus für ihr Gleichgewichtssystem (schnelle Lageänderungen des Kopfes in verschiedenen Bewegungsebenen) und einen starker Input für ihr visuelle System (Blickstabilisierungen, Blickverfolgungen, Blicksprünge etc.).

Neuronale Aktivierung kurzzeitig verbessert – Schmerz ist weg!

Dann ist ihre neuronale Aktivierung kurzzeitig verbessert und Ursel ist schmerzfrei. Wahrscheinlich ist dann ihr Gangbild auch deutlich verbessert.

Ohne Achterbahn ist der Stimulus aus dem Gleichgewichtssystem eingeschränkt. Und dieses Defizit hat über Jahre möglicherweise zu Haltungsproblemen und chronischen Rückenschmerzen geführt.

Wenn auch nur einer der Gleichgewichtskanäle in seiner Funktion eingeschränkt ist, so wirkt sich das immer auch auf die Steuerung und Funktion der Wirbelsäule aus. Sind die genannten Areale im Kleinhirn nicht aktiv genug, sind auch Ihre genannten Funktionen eingeschränkt.

Klar ist: Das Gehirn von Oma Ursel reagiert sehr positiv auf starke vestibuläre Reize.

Mehr als 1283 Mal ist Ursel inzwischen schon mit der Achterbahn gefahren –dabei könnte sie wahrscheinlich mit einem gezielten Training bessere und nachhaltigere Erfolge haben. Natürlich wäre es notwendig, durch bestimmte Tests die Fehlfunktionen in Ursels Nervensystem genauestens einzugrenzen, um ein alternatives Training spezifisch und zielgerichtet zu gestalten.

Es gibt alternative Möglichkeiten gegen eine Vielzahl von Rückenschmerzen, die an der Ursache der Problematik ansetzen. Muskeltraining ist hilfreich, die neuronalen Ursachen werden jedoch leider meist vergessen. Und gerade die können – und sollten – zuerst trainiert werden.

Lieber Leser, liebe Ursel: Schreiben Sie mir gerne über das Kontaktformular eine Mitteilung, wenn Sie mehr Informationen zum Thema benötigen. Oder besuchen Sie einen meiner Kurse. Termine und Orte finden Sie bald auf Facebook und hier auf meiner Homepage.

Keep moving, Marc Nölke

 

Dank an meinen Kollegen Lars Lienhard von Focus on Performance für seine Inspiration!

  1. Neurons in the Pontomedullary Reticular Formation Signal Posture and Movement Both as an Integrated Behavior and Independently.Bénédicte Schepens, Paul Stapley and Trevor Drew. J Neurophysiology, Vol 100, 16 July 2008. doi:10.1152/jn.01381.2007
  2. Trepl, Martin. Neuroanatomie. Elsevier (2008). S.136-37
  3. Lars Lienhard über Rückenschmerzen. http://neuro-athletic-training.com/754-lars-lienhard-ruckenschmerzen-ein-neuroanatomischer-blick-hinter-die-kulissen/