Neuroathletik-Training mit Gregor Schlierenzauer

In diesem Artikel geht es um das Training eines Hochleistungssportlers. Doch für mich ist jeder ein Athlet, der täglich in Job und Familie sein Bestes gibt. Deshalb ist die Herangehensweise des Neuro-Athletiktrainings auch für Sie relevant: Egal ob Manager, Hobbysportler, Familienvater, Dreifachmutter, Großmutter und Großvater.

Schlierenzauer_Nölke

Meine Karriere als Skispringer war kurz. Als 18jähriger Sauerländer (!) war ich mit Jens Weissflog, Dieter Thoma und Christoph Duffner bei den Olympischen Spielen in Albertville (1992) dabei. In Top-Form. Im Training unter den Top 10. Dann stürzte ich und verletzte mich lebensgefährlich: Milzriss, Notoperation auf der Intensivstation in Albertville. Narbe vom Bauchnabel bis zum Sternum. Ein halbes Jahr Pause. Danach flog ich nicht mehr so sehr weit. Warum ich nicht mehr flog, wusste ich damals nicht. Ich hatte ein Problem, konnte aber nicht genau sagen, welches. Es war zum Verzweifeln. Ich hatte keine Angst, trotzdem klappte nichts mehr. Tausend Interventionen, am nächsten Tag wieder das gleiche Ergebnis. Vielleicht kennst Du den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Darin geht es um einen Mann, der in einer Zeitschleife fest steckt und jeden Tag immer wieder aufs Neue fast gleich erlebt. Bis er endlich dazu lernt und von den Beschränkungen, die sein Leben prägen, erlöst wird. Ich verschliss vier Sportpsychologen in der Zeit nach meinem Sturz. Und irgendwann verlor ich endgültig die Motivation und gab mich und meinen Sport auf.

DROP OUT

Ich habe 20 Jahre meines Lebens damit verbracht, herauszufinden, wo mein Problem lag. Und damit, wie ich anderen helfen kann, solche „mysteriösen“ Leistungsblockaden zu finden und aufzulösen. Ich beschäftigte mich mit Kinesiologie. Mit Psychologie. Mit Systemtheorie und Kybernetik. Mit Feldenkrais und Rolfing. Mit Reiki. Mit Brain Gym und Brain-Kinetik, zehn Jahre bevor es überhaupt bekannt wurde. Mit integralem, systemischem Coaching und Mentaltraining, mit Traumatheraphie, Wing-Wave, Funktionaloptometrie und Neuro-linguistischem Programmieren. Mit Herzfrequenzvariabilität, Neuro- und Biofeedback, Achtsamkeitstraining und Meditation. Mit motorischem Lernen. Mit gehirngerechtem Lernen. Ich studierte Sport und machte an der Trainerakademie des DOSB in Köln den Diplomtrainer. Meine Diplomarbeit schrieb ich zu einem neurologischen Thema und dann stieß ich während meiner Zeit als Nationaltrainer in den USA bei Recherchen auf Dr. Eric Cobb (Z Health) und Lars Lienhard (Focus on Performance) – es begann eine neue Reise. Es gab endlich Antworten auf meine Fragen.

ZWEITE KARRIERE ALS TRAINER

Ich hatte die Ehre, die besten Skispringer der Welt trainieren zu dürfen (Österreichische Nationalmannschaft, Vierschanzentournee-Gewinner, Weltmeister, Team-Olympiasieger, Teamweltmeister, Skiflugweltmeister,  Weltcup-Gesamtsiege, mehr als 40 Weltcupsiege) und mit unfassbar tollen Kollegen aus der ganzen Welt arbeiten zu dürfen. In einem interdisziplinärem Team von Spezialisten (Sportpsychologe, Leistungsdiagnostiker, Techniker, Mediziner, Physiotherapeut…) arbeiteten wir sehr lösungs- und zielorientiert mit vielen innovativen Methoden. Dennoch gab es natürlich immer wieder Situationen und Probleme in der sportlichen Handlung verschiedener Athleten, die immer wieder in Erscheinung traten. Auch hier: „Und täglich grüßt das Murmeltier“.  Same shit, but a little bit different. Heute bin ich, was die Analyse und Bearbeitung solcher Murmeltierprobleme angeht, dank Dr. Cobbs und Lars Lienhards Pionierarbeit einen erheblichen Schritt weiter. Die Murmeltierprobleme nerven nicht mehr, wenn man erkennt, dass sozusagen die Nerven das Problem sind. Als Neuroathletiktrainer kann ich mit dem Murmeltier so umgehen, dass es nicht mehr grüßt. Sehr viele dieser Murmeltierprobleme sind lösbar.

ÜBERLEBEN IST WICHTIGER ALS WEIT SPRINGEN

Aus der Perspektive des NAT betrachtest Du das menschliche Gehirn, seine Strukturen und Reflexe. Dann verstehst Du, dass dieses hochkomplexe Gebilde nur ein Einziges übergeordnetes Ziel verfolgt: Überleben. In unserer relativ sicheren Welt vergessen wir das leider nur allzu oft. Überleben ist das Ziel Nummer Eins, und dieses Ziel ist tief in den ältesten Gehirnstrukturen verankert. Nicht etwa schnell zu rennen, weit zu springen oder einen Pass im Endspiel präzise zu schießen ist dem Gehirn letztendlich wichtig, sondern lediglich, dass Du diese sportlichen Handlungen am Ende auch überlebst. Wie macht das Gehirn das genau? Zunächst wären da verschiedene autonome Funktionen, die Dein Überleben sichern. Autonom, weil sie nicht bewusst gesteuert werden müssen, weil Du Dich nicht darauf konzentrieren musst, dass Dein Herz schlägt, dass Du atmest, dass Dein Blutdruck steigt, etc. Du kannst all das zwar auch bewusst mit verschiedenen Techniken beeinflussen, aber diese Grundfunktionen laufen im Normalfall mehr oder weniger wie von selbst ab – von verschiedenen Bereichen in Deinem Gehirn gesteuert.

PREDICTIONS & DAS BRAIN-BODY-NAVIGATIONSSYSTEM

Dann haben wir noch eine sehr coole Funktion, die das Überleben sichert: Das Gehirn erkennt Muster und sagt anhand dieser Muster sozusagen die Zukunft voraus. In den letzten 15 Jahren wurde experimentell belegt, dass das menschliche Gehirn permanent, in jeder tausendstel Sekunde Vorhersagen (predictions) macht. Sowohl über Dinge, die in unserem Körper passieren als auch über Dinge, die in unserer Umgebung passieren.Um die Informationen für das Erstellen der predictions zu bekommen, nutzen wir unsere Augen (visuelles System),  unser Gleichgewichtssystem (vestibuläres System), wir hören, schmecken, riechen, können tasten, usw. Verschiedene Rezeptoren im Körper senden Informationen aus unserm Inneren und über die Umgebung über efferente Nerven an die Schaltzentrale im Gehirn. Das propriozeptive System mit dem Gehirn, der Wirbelsäule und den peripheren Nervenenden ist sozusagen unser inhouse GPS-System. Es navigiert uns – wenn es gut funktioniert und alle Einzelteile gut in Schuss sind – fehlerfrei und wenn wir wollen mit Vollgas durch Raum und Zeit. Also: Ein Info-Input von guter Qualität aus den Teilsystemen ist eine prima Vorraussetzung für eine gute prediction. Wenn die Verarbeitung und Integration der Infos in den verschiedenen Bereichen des Gehirns dann sauber abläuft, ist die Wahrscheinlichkeit für eine klare prediction hoch, das „Brain-Body-Navi“ funktioniert, meine Bewegung ist stark, präzise und balanciert, am Ende erfolgreich.  Wie so eine prediction die Leistung beeinflusst, möchte ich Euch an einem Beispiel erläutern:

ASSESSING NOT GUESSING – SCHLIERENZAUERS ERSTES TRAINING MIT NAT

Vor gut einer Woche haben Lars Lienhard und ich mit Gregor Schlierenzauer, einem der erfolgreichsten Skispringer der Sportgeschichte in Leipzig (RB Akademie) trainiert. Seit 6 Jahren bin ich nicht mehr im Dienst des Österreichischen Teams, dennoch stand ich stets mit Gregor in privatem Kontakt und habe seinen Weg nach unseren gemeinsamen Jahren aufmerksam verfolgt. Gregor rehabilitiert momentan einen Kreuzbandriss (Sturz beim Tiefschneefahren), nach der schlechtesten Saison seiner Karriere. Ich rief Ihn an und erzählte ihm vom Neuroathletiktraining und von Lars Lienhard. Gregor war sehr interessiert und wir trafen uns, begleitet von seinem Athletiktrainer Chris und seinem Physiotherapeuten Gerhard, zum Training.Gregor ist ein „Wunderkind“, ein kinästhetisches Genie. Er ist unfassbar talentiert und gleichzeitig akribisch und fleißig. Ein Musterprofi. Sein Mindset ist das eines Siegers. Seine Ansprüche an sich sind genauso hoch wie die Ansprüche an seine Umwelt, an seine Trainer und Betreuer, an alles, was seine Leistung beeinflusst. Bislang gewann er 53 Weltcups, das ist Weltrekord. Er hat 13 Goldmedaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften gewonnen und ist erst 26 Jahre alt.

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Schlierenzauer, Nölke, Lienhardt beim Neuro-Athletic-Training

VERZWEIFELTER ÜBERFLIEGER

Es ist ihm in seinen 10 Weltcupsaisonen jedoch zunehmend schwerer gefallen, seine Anfahrtsposition in einer stabilen Balance zu halten. Im vergangenen Winter ist er daran schier verzweifelt und beendete die Saison vorzeitig.  Er fand einfach keinen Weg, eine Position in der Hocke einzunehmen und diese Position unter den zentripedalen Kräften in einer vertikalen Beschleunigung zu stabilisieren, um einen effektiven Absprung einzuleiten.  Er tüftelte endlos am Material, doch jeden Tag wieder dasselbe Problem. Ein klassisches Murmeltierproblem. Nach verschiedenen neurologischen Tests, die Lars Lienhard in Leipzig durchführte, erhärtete sich eine Annahme, die wir als Startpunkt  für unsere Interventionen legten: Ein bestimmter Bereich von Gregors Gehirns ist unteraktiviert, mit weitreichenden Folgen für das Gleichgewichtssystem und seine Augenbewegungen. Beides essentiell wichtig für einen Skispringer. Dazu ein kleiner Neuroanatomie-Exkurs:

HÖREN – GLEICHGEWICHT – AUGENBEWEGUNGEN – BEWEGUNGSEFFIZIENZ

Im Innenohr, hinter den Hörorganen, dem Trommelfell und den kleinen Ossikeln, befindet sich das vestibuläre (Gleichgewichts-) System mit den semizirkulären Kanälen (die drei Kanäle messen die Bewegung in den drei Hauptebenen des Körpers und sind die Spezialisten für Rotationen und Drehbeschleunigung) und dem Utrikulus und dem Sakkulus (die beiden sogenannten Otholithenkümmern sich noch mal separat um die Infos zu Kopfbewegungen und linearer Beschleunigung im Raum). Am Ende dieses Hör-Gleichgewichtsapparates leitet Kranialnerv VIII (N. vestibucochlearis) alle Infos zum Nucleus vestibularis im Hirnstamm weiter. Der Kranialnerv VIII besteht aus zwei Zweigen, einem Zweig für das Hören und einem Zweig für das Gleichgewicht. Die beiden sind wie zwei Kabel in einer gemeinsamen Hülle. Hören und Gleichgewichtswahrnehmung beeinflussen sich also gegenseitig – sie sind anatomische Nachbarn! Der Nucleus vestibularis ist zudem verdrahtet mit Kranialnerv VI, dem N. abducens. Der N. abducens wiederum connected indirekt mit dem Kranialnerv III, dem N. oculomotorius.  Abducens und Oculomotorius, sie steuern unsere Augenbewegungen. Das Ganze ist neurologisch sehr komplex, ich möchte nur aufzeigen, dass gute Gleichgewichtsfunktionen ganz eng mit der Koordination der Augenmuskeln verbunden ist – und auch umgekehrt.

DEN FEHLER IM SYSTEM FINDEN UND BEHEBEN

Diesen kompletten „Apparat“ – bestehend aus Ohr, Gehörgang, Mittelohr, Innenohr, Vestibulärsystem und Kranialnerv VIII und Nucleus Vestibularis – haben wir doppelt. Einmal rechts, einmal links. Und da wo der vestibularcochleare Nerv ankommt, im Hirnstamm, kommen in direkter Nachbarschaft noch viele andere Kranialnerven an, die Meldung machen und ihren Input abgeben zur Lage des Athleten. Sie geben Impulse weiter, sie „feuern“. Und das Tolle ist, dass die Neuronen, die dauerhaft feuern, sich miteinander verbinden. Neurons who fire together wire together.

NUN KOMMEN WIR ZUM PUNKT

Gregor ist seit seiner Geburt auf einem Ohr fast taub. Die Aktivierung auf der entsprechenden Seite ist also seit 26 Jahren geringer. Der Mangel an Aktivierung der betreffenden Seite des Hirnstamms hat bei Gregor im Laufe der Zeit dazu geführt, dass sich ein asymmetrisches Aktivierungsmuster ausbildete. Lange Zeit konnte er dieses asymmetrische Aktivierungsmuster im Hirnstamm und seine Folgeerscheinungen sehr gut kompensieren, es reichte sogar für sagenhafte 53 Weltcupsiege. Aber irgendwann nach einigen Jahren machen selbst die stabilsten Kompensationsstrukturen mal schlapp.  Das Springen – und Gewinnen – wird schwieriger. Lars aktivierte nun mit bestimmten individuellen Drills (spezifische, Übungen, die je nach Sportart und Athlet differieren) die unteraktiven Areale und die betreffende Seite des Gehirns und wir testeten die Wirkung der Drills auf Gregors Nervensystem. Und siehe da: Die Verbesserung des Gefühls für die Balance in der Hockposition war für Gregor sofort spürbar besser und auch von außen gut sichtbar. Nebenbei wurde sogar nach Gregors Auskunft  die Visualisierungsfähigkeit in der internalen Perspektive klarer. Ein echter Lichtblick.

RE-EDUCATION UNTER ZUHILFENAME DER LANGZEITPLASTIZITÄT

Natürlich lässt diese einmalige, starke Gehirnaktivierung nach einiger Zeit wieder nach. Man nennt das Kurzzeitplastizität. Deshalb ist es wichtig, die Drills in das sportartspezifische Training einzubauen und bestenfalls täglich mehrmals zu praktizieren, damit dauerhaft beständige, neue neuronale Verbindungen im Gehirn entstehen. Das nennt man dann Langzeitplastizität. Zudem wird bei zunehmender Trainingsdauer die Wirkung der Drills geringer. Das Gehirn mag Neues und Altbekanntes reicht bald nicht mehr, um einen Reiz auszulösen. Dann muss man, wie zum Beispiel beim klassischen Training auch, am besten den Ist-Zustand wiederum testen und dann je nach Testergebnis die Intensitäten bzw. Umfänge der Drills entsprechend anpassen.  Tut man das, gibt es einige schöne Effekte – die da wären:

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Schlierenzauer, Lienhardt, Nölke beim Neuro-Athletic-Training

NEURO ATHLETIC SCHAFFT SYNERGIEN – BESSERE ERGEBNISSE AUF ALLEN EBENEN

Der Athletiktrainer wird erfolgreicher, weil das Athletiktraining effektiver wird, denn beide Körperseiten können nun gleich gut angesteuert werden. Zudem gibt es weniger bewegungsinduzierte Verletzungen. Das freut wiederum die Physiotherapeuten und die medizinische Abteilung. Der Sportpsychologe und Taktik- oder auch Techniktrainer kann erfolgreicher arbeiten, denn der Sportler kann sich besser fokussieren, weil er mehr Ressourcen für kognitive Prozesse hat.  Der Cheftrainer wird erfolgreicher, weil ein Werkzeug zur Analyse und zum Problemlösen mehr im Werkzeugkoffer ist. Viele der nervigen Murmeltierprobleme werden also lösbar. Das macht unser aller Leben viel einfacher.  Ich ärgere mich zwar immer noch ein wenig darüber, dass es NAT nicht schon vor 20 Jahren gab, denn ich bin mir sicher, dass meine Karriere dann anders verlaufen wäre. Das Schöne jedoch ist, dass ich heute als Neuroathletiktrainer anderen Athleten, Trainern und Teams effektiv dabei helfen kann, besser und erfolgreicher zu sein. Und lieber Gregor: Du kommst erfolgreich zurück, wenn Du es willst. Deine Karriere kann noch viel länger werden und zu Deinen 53 Siegen können noch einige dazu kommen. Mit viel mehr Spaß und viel weniger Murmeltierproblemen als zuvor.

Haben Sie auch so ein Murmeltierproblem? Dann fordern Sie einfach ein Beratungsgespräch an! Ich freue mich auf Sie!

Marc Nölke, im Juni 2016